der behemoth lugt hinter dem vorhang der weltordnung hervor
I. Einleitung: Die Ausnahme als Regel
Ende Februar 2026 töteten die Vereinigten Staaten und Israel in einer koordinierten Luftoffensive den Obersten Führer der Islamischen Republik Iran, Ali Chamenei. Kein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs, kein Verfahren, kein Urteil ging voraus – nur ein Beschluss in jenen Hinterzimmern, die in der Politikwissenschaft gern euphemistisch als „Exekutivdomäne" firmieren. Ein Staatsoberhaupt wurde außergerichtlich hingerichtet, und die Welt hat zugesehen.
Die Reaktion der Bundesrepublik war exemplarisch. Bundeskanzler Friedrich Merz, vorab informiert, verwies auf die „atomare Gefahr" aus Teheran. Außenminister Wadephul ließ mitteilen, man „prüfe die völkerrechtliche Einordnung". Völkerrechtler erklärten die Angriffe für völkerrechtswidrig. Eine Verurteilung blieb aus. Deutschland verurteilte stattdessen die iranischen Gegenangriffe. Das Opfer wurde zum Aggressor erklärt, der Aggressor zum Ordnungshüter – nicht als Panne, sondern als Funktionsmerkmal der gegenwärtigen Weltordnung.
Der vorliegende Text unternimmt den Versuch, von diesem konkreten Ereignis aus die Tiefenstruktur der internationalen Machtordnung freizulegen. Er bedient sich der Werkzeuge, die das politische Denken des 20. und 21. Jahrhunderts bereitgestellt hat: Carl Schmitts Theorie des Ausnahmezustands und des Katechon1, Walter Benjamins messianischer Geschichtsphilosophie2, Giorgio Agambens Analyse des nackten Lebens3, Franz Neumanns Behemoth-Figur4, der Ideologiekritik von Althusser5, Gramsci6 und Marcuse7, sowie der politischen Theologie des Paulus, wie sie Jan Assmann und Jacob Taubes8 rekonstruiert haben. Dass diese Konstellation von Denkern – manche davon Faschisten, manche deren Opfer, manche beides zugleich Gegenstand und Kritiker der Gewalt – überhaupt in einer Analyse zusammenstehen können, sagt bereits etwas über den Gegenstand: Die Grammatik der Macht ist offenbar von links wie von rechts dieselbe.
II. Das Recht und seine Suspension: Schmitt, Agamben, das nackte Leben
Carl Schmitt hat den Satz geprägt, der wie kein zweiter das Funktionsprinzip moderner Souveränität freilegt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."9 Keine Beschreibung eines Grenzfalls – die Wahrheit des Normalzustands. Denn der Normalzustand existiert nur, weil und solange jemand die Macht hat, ihn aufzuheben. Das Recht gilt, weil es suspendiert werden kann. Wer suspendiert, regiert.
Die Tötung Chameneis illustriert dieses Prinzip im Weltmaßstab. Die USA haben nicht gegen das Völkerrecht verstoßen wie ein Bürger gegen ein Gesetz verstößt – als Normbrecher innerhalb einer bestehenden Ordnung. Sie haben demonstriert, dass sie die Instanz sind, die definiert, wann das Völkerrecht gilt und wann nicht. Der Unterschied zwischen Rechtsbruch und Souveränität: Man bricht kein Recht, wenn man über dem Recht steht. Man setzt es aus. Schmitts Ausnahmezustand: nicht die Abwesenheit von Recht, sondern die Anwesenheit einer Macht, die das Recht nach Bedarf ein- und ausschaltet.
Giorgio Agamben hat diesen Gedanken in seiner Homo-sacer-Reihe zu Ende geführt. Wenn der Souverän das Recht suspendieren kann, dann gibt es eine Zone, in der der Mensch dem staatlichen Zugriff ohne jeden rechtlichen Schutz ausgeliefert ist. Der homo sacer – das nackte Leben, das getötet, aber nicht geopfert werden kann. Die Zivilbevölkerung des Iran, die Opfer der Luftangriffe, Chamenei selbst: im Moment des Angriffs auf den Status des nackten Lebens reduziert, der Willkür der angreifenden Mächte schutzlos ausgeliefert. Kein Gericht, kein Verfahren, kein Recht zwischen ihnen und den Bomben.
Horst Bredekamp hat in seinem Vortrag über Schmitts Anziehungskraft für dessen eigene Feinde einen bemerkenswerten Punkt gemacht: Schmitts Kategorien sind nicht deshalb mächtig, weil man mit ihnen einverstanden wäre, sondern weil sie etwas sichtbar machen, was die liberale Theorie systematisch unsichtbar hält. Stephen Holmes – radikaler Verteidiger der liberalen Demokratie, Co-Autor von Das Licht, das erlosch10 – legte Schmitts Politische Theologie mit der Warnung auf Bredekamps Schreibtisch: „Lies das, aber pass auf." Eine symptomatische Warnung: Hier ist ein Werkzeug, das funktioniert – aber es könnte dich in eine Welt ziehen, aus der du nicht mehr zurückwillst. Wer einmal mit Schmitt die Tötung Chameneis analysiert, kann sie nicht mehr als „bedauerlichen Einzelfall" betrachten. Sie wird zum Paradigma.
Bredekamp illustriert dies an drei Beispielen kontaminierter Denker, deren Ausblendung die Welt „erkenntnisärmer" mache: Wilhelm Pinder, dessen Formel der „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen"11 über Karl Mannheim, Habermas und Luhmann zum Allgemeingut wurde, ohne dass ihr Ursprung noch bekannt wäre; Heidegger, der unter Ceaușescu für rumänische Intellektuelle nicht als NS-Denker, sondern als Code der geistigen Befreiung fungierte, wie Bredekamp es im Kontext des von Andrei Pleșu12 gegründeten New Europe College erfuhr; und Schmitt selbst, dessen Sprache Bredekamp „von Beginn an geradezu mitriss". Die Pointe: Die ethisch begründete Damnatio memoriae führt zu einer Verkürzung der Begriffsgeschichte. Wer Schmitt nicht liest, versteht Trump nicht.
Bredekamp führt dies am Ende seines Vortrags vor. Trump betreibe vom ersten Augenblick an, was Schmitt und Benjamin in verschiedenen Registern beschrieben haben: die permanente Zerstückelung zeitlicher Kontinuität. Jeder Beschluss wird am nächsten Tag durch sein Gegenteil ersetzt, nicht aus Inkonsistenz, sondern um die Souveränität Tag für Tag neu zu demonstrieren. Souverän ist, wer jeden Morgen die Karten neu mischt. Bredekamp findet es „erschütternd, wie begrifflos" Phänomene wie Johnson oder Trump behandelt würden – die Kategorien wären da, man müsste sie nur anwenden. Dass Johnson 2019 das Parlament auf Zeit suspendierte, sei nichts anderes als Schmitts Ausnahmezustand in der Praxis; Johnsons Berater sei ein Bismarck-Anhänger gewesen, der seinen Schmitt gelesen habe.
III. Der Katechon: Theologische Wurzeln einer säkularen Lüge
Die Rechtfertigung für diese Machtlogik ist älter als jede moderne Verfassung. Sie findet sich im Zweiten Thessalonicherbrief des Paulus, Kapitel 2, Vers 6--7: der Katechon, der „Aufhaltende" – eine Macht, die das Auftreten des Antichristen, den totalen Zusammenbruch der Ordnung, noch aufhält. Erst wenn dieser Aufhaltende weicht, bricht das Chaos herein.
Jan Assmann hat in seinem Vortrag die Verschränkung von paulinischer Theologie und politischer Theorie mit großer Präzision herausgearbeitet. Er zeigt, wie Agamben – aufbauend auf Jacob Taubes' Heidelberger Vorlesungen zum Römerbrief – in Il tempo che resta13 die messianische Zeit als eigentümliche Frist rekonstruiert: die Zeit zwischen dem messianischen Ereignis (der Auferstehung) und der Wiederkunft des Messias am Ende der Zeit. „Die Zeit, die die Zeit braucht, um zu Ende zu gehen." Zusammengedrängte Zeit – synestalmenos14, wie Paulus schreibt (1. Korinther 7,29): ho kairos synestalmenos estin. Assmann entfaltet die Bedeutung dieses Begriffs mit beeindruckender philologischer Tiefe und zitiert den Dichter und Theologen Christian Lehnert15: das eingezogene Segel, das Raubtier vor dem Sprung, die zitternde Spannung der zusammengezogenen Muskulatur. Von systéllein kommt Systole, der Herzmuskel in der Kontraktion. Die Systole der Geschichte.
Entscheidend ist das Wort für Zeit, das Paulus gebraucht: nicht Chronos, die quantitative, gleichförmig fortlaufende Zeit, sondern Kairos16, der entscheidende Augenblick. Paulus' eigener Begriff für die messianische Zeit ist ho nyn kairos (ὁ νῦν καιρός), die Jetztzeit, der gegenwärtige Augenblick. Die messianische Gemeinde lebt nicht in der leeren Fortschrittszeit, sondern in einer Frist, die jederzeit ablaufen kann.
Assmann rekonstruiert sodann Agambens Lektüre des paulinischen hōs mē17 („als ob nicht") aus 1. Korinther 7,29--31: Die Weinenden sollen sein, als weinten sie nicht; die Kaufenden, als behälten sie nicht; die die Welt Gebrauchenden, als gebrauchten sie sie nicht. Max Weber hatte das als „eschatologische Indifferenz" bezeichnet. Agamben sieht darin die Formel des messianischen Lebens schlechthin. Die Klesis18 (Berufung) wird bei Paulus zum Widerruf jeder weltlichen Berufung; man besitzt seinen Stand nicht, man gebraucht ihn (chresis19). Im Modus des „als ob nicht" wird jeder weltliche Zustand vergleichgültigt, sobald er mit dem messianischen Ereignis in Berührung kommt.
Nun zum politischen Kern. Paulus schreibt in Römer 13,1: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott." Die staatliche Gewalt „trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin". Die religiöse Blaupause dessen, was man heute Staatsräson nennt. Der Staat legitimiert sein Gewaltmonopol nicht weltlich, sondern kosmologisch: Er hält den Antichristen auf. Er ist der Katechon.
Schmitt hat diese theologische Figur in eine Theorie der Weltordnung überführt. Der Nomos der Erde organisiert sich um die Frage: Wer hält den Feind auf? Die Antwort der westlichen Nachkriegsordnung: die Vereinigten Staaten. In ihrem Windschatten: die NATO, die Bundesrepublik, der „freie Westen". Die Konsequenz: Wenn die USA der Katechon sind, dann ist jede Kritik an ihren Methoden ein Spiel mit dem Feuer. Wer den Aufhaltenden schwächt, lässt den Antichristen herein. Die Hisbollah, der Iran, der Terrorismus – Chiffren für das Chaos, das droht, wenn die Ordnung wankt.
Aber die Frage ist, ob die USA tatsächlich als Katechon handeln oder ob die katechontische Figur hier nicht vielmehr als Inszenierung dient, hinter der ein Leviathan seine Interessen verfolgt. Die Tötung Chameneis lässt sich kaum als Aufhalten einer immanenten Gefahr begreifen – sie ist eine Souveränitätsdemonstration, die sich im katechontischen Gewand präsentiert. Die USA agieren als Interessenakteur, als Leviathan, der seine Ordnungsmacht sichert; aber sie legitimieren dieses Handeln katechontisch, als Abwehr des Chaos. Die Doppelung ist gerade der Punkt: Der Katechon ist hier keine theologische Wahrheit, sondern ein Bühnenstück, das die reale Machtausübung sakral überhöht. Die Tötung ist nicht Katechontik – sie ist als Katechontik inszenierte Interessenpolitik.
Deutschland, das vorab informierte, das mitnickte und anschließend die „völkerrechtliche Einordnung prüfte", handelte in exakt dieser Logik. Es fragte nicht: Ist das Recht? Es fragte: Wer hält die Ordnung? Die Bündnistreue, die NATO-Mitgliedschaft, die wirtschaftliche Abhängigkeit – säkulare Übersetzungen des paulinischen Imperativs: Sei der Obrigkeit untertan. Wer sich gegen den Aufhaltenden stellt, riskiert das Chaos.
Assmann macht noch einen weiteren Punkt, der hier entscheidend ist. Er unterscheidet zwei Konzepte des Rests: das geschichtlich-prophetische, basierend auf dem Begriffspaar Katastrophe und Rettung (die Geschichte als Serie von Katastrophen, bei denen nur ein Rest überlebt – Jesaja: „Wenn die Zahl der Söhne Israels sein wird wie Sand am Meer, nur ein Rest wird gerettet"), und das messianische, basierend auf Ereignis und Glauben. Bei Paulus spaltet das messianische Ereignis die Menschheit in Glaubende und Nicht-Glaubende. Übertragen auf die politische Theologie der Gegenwart: Die Welt spaltet sich in diejenigen, die an die „regelbasierte Ordnung" glauben und damit die Gewalt des Aufhaltenden legitimieren, und diejenigen, die diesen Glauben verloren haben. Letztere leben – wie Agamben es formuliert – im Modus des hōs mē: kaufend, als behälten sie nicht; weinend, als weinten sie nicht; die Welt gebrauchend, als gebrauchten sie sie nicht.
IV. Leviathan und Behemoth: Die Doppelnatur der Ordnung
Thomas Hobbes hat der Moderne zwei Ungeheuer hinterlassen: den Leviathan, das Monster aus dem Meer, und den Behemoth, das Monster vom Land.20 Der Leviathan ist der Staat – furchtbar, aber ordnungsstiftend, der künstliche Gott, der den Krieg aller gegen alle beendet. Der Behemoth ist sein Gegenteil: der Bürgerkrieg, die Gesetzlosigkeit, die Herrschaft ohne Recht.
Franz Neumann hat 1942 in Behemoth: Struktur und Praxis des Nationalsozialismus die entscheidende Wendung vollzogen. Das nationalsozialistische Deutschland war kein Staat im Hobbesschen Sinne, kein Leviathan, der das Recht garantierte – ein Behemoth: ein System, in dem verschiedene Machtgruppen (Militär, Wirtschaftseliten, Geheimdienste, Parteiapparat) nebeneinander agierten, ohne an allgemeine Gesetze gebunden zu sein. Die Rechtsförmigkeit blieb als Fassade bestehen, aber ihr Kern war reine, unkontrollierte Gewalt.
Der Clou dieser Analyse: Der Behemoth verkleidet sich als Leviathan. Er behauptet, Ordnung zu sein, während er Willkür ist. Er nutzt die Symbole des Rechtsstaats, um Rechtslosigkeit zu praktizieren. Genau dieses Bild beschreibt, was die Tötung Chameneis offenbart: eine Weltordnung, die mit der Rhetorik des Völkerrechts operiert, während sie es suspendiert. Die „regelbasierte Ordnung", auf die sich der Westen beruft, regelt nichts – sie wird geregelt, von denjenigen, die die Regeln machen und brechen können.
Bredekamp hat den Zusammenhang zwischen Hobbes und Schmitt an einer entscheidenden Stelle verdichtet. Hobbes habe ein einziges Ziel verfolgt: das Interregnum, die Zeit der Ausnahme und des Bürgerkriegs, in eine Kontinuität der ordo zu überführen. Dafür brauche er die Staatseffigie, das Frontispiz, die visuelle Repräsentation der Macht – „visuelle Power". Der Leviathan ist eine Staatseffigie. Schmitt dagegen denke nicht die Kontinuität als Ziel, sondern den Riss in der Zeit als Möglichkeit, die strukturlos zerrinnende Zeit zu definieren und in ihr Gegenteil zu überführen: der Katechon entscheidet – Napoleon, vielleicht Hitler, jedenfalls die katholische Kirche --, das Kommen des Antichristen zu distanzieren. Eine Fristfrage.
Diese Fristfrage ist der Schlüssel zur gegenwärtigen Lage. Wenn die USA den Iran bombardieren, gewähren sie eine Frist: Die Ordnung besteht noch, der Antichrist – hier: die nukleare Bewaffnung eines „Schurkenstaats" – ist noch einmal aufgehalten. Aber jede Frist hat ihren Preis. Der Preis ist das Völkerrecht, die Souveränität des Iran, das Leben der Zivilbevölkerung. Und der Behemoth offenbart sich in dieser Preiskalkulation: Nicht das Recht entscheidet, wer leben darf und wer sterben muss, sondern die Machtgruppen – Geheimdienste, Militärführungen, Regierungsspitzen --, die im Schatten des Leviathans operieren.
Bredekamp bringt das auf eine Formel, die sich einprägt. Trump regiere „Tag auf Tag auf Tag, jede zeitliche Dauer zu zerschneiden, sodass er nach jedem Beschluss, in dem Gegenteil, das er am nächsten Tag sagt, wieder souverän ist." Er verweist auf den Beschluss von Montréal, nach dem Trump auf der Gangway bereits das Gegenteil verkündete. Der Behemoth in Reinform: eine Macht, die sich jeden Morgen neu konstituiert, indem sie die gestrigen Regeln aufhebt. Permanenter Ausnahmezustand als Regierungsform. Und Benjamin, so Bredekamp unter Berufung auf Taubes, habe das vollständig übernommen: „Die geschichtsphilosophischen Thesen und Carl Schmitt sind Auge in Auge, Stirn an Stirn formuliert."
V. Die Fabrik des Konsenses: Warum es keinen Widerstand gibt
Wenn die Analyse bis hierher stimmt, stellt sich die Frage, warum niemand aufschreit. Warum gehen die Leute nicht auf die Straße, wenn ihr Staat die außergerichtliche Hinrichtung eines Staatsoberhaupts deckt?
Die Antwort liegt in der Struktur der Konsensproduktion. Althussers Theorie der Ideologischen Staatsapparate beschreibt, wie Institutionen – Schulen, Medien, Kirchen, Familien – Subjekte produzieren, die die bestehende Ordnung nicht nur akzeptieren, sondern als natürlich empfinden. Das Schlüsselkonzept ist die Interpellation: Wenn der Staat von „unseren Werten" und „unserer Sicherheit" spricht, fühlt sich der Bürger angesprochen. Im Moment der Annahme des „Wir" ist er Teil des Apparats; Widerstand hieße Selbstausschluss aus der Gemeinschaft. Die eigentliche Gewalt der Ideologie: nicht der Zwang, sondern die freiwillige Unterwerfung. Frank-Walter Steinmeier hat in seinem Buch Wir diese Interpellation exemplarisch vorgeführt, als er zur Migrationsfrage schrieb: „In Wahrheit ringen wir um das richtige Maß an Humanität und Realismus bei der Aufnahme oder Abweisung." In diesem Satz ist die Althussersche Struktur freigelegt: Das „Wir" setzt die Nation als selbstverständliche Größe, Humanität wird zur Variablen, die gegen „Realismus" verrechnet wird – und dass mit zweierlei Maß gemessen wird, ist hier keine verborgene Wahrheit, sondern wird als Ausweis von Vernunft offen ausgesprochen. Wer diesem „Wir" und seiner Maßsetzung nicht zustimmt, steht außerhalb der Gemeinschaft des Vernünftigen.
Gramsci hat diesen Befund vertieft. Seine Theorie der kulturellen Hegemonie erklärt, warum es keinen Aufstand gibt, selbst wenn die Macht nackt auftritt. Die Herrschenden regieren nicht nur durch Zwang, sondern durch Konsens – sie prägen den „gesunden Menschenverstand". Wenn Medien und Politik jahrelang das Narrativ der „Bedrohung durch den Iran" aufgebaut haben, fügt sich die Tötung Chameneis in ein vorgefertigtes Weltbild ein: nicht Völkerrechtsbruch, sondern „notwendiges Übel". Der Widerstand bleibt aus, weil das Ereignis bereits vorgedeutet war.
Foucault21 hat gezeigt, wie dieses Weltbild sprachlich hergestellt wird. In der Berichterstattung wird nicht von „Mord" oder „Willkür" gesprochen, sondern von „Präzisionsschlägen", „Neutralisierung", „chirurgischen Eingriffen". Als die deutschen Medien im Februar 2026 das Wort „Präventivschlag" in die Schlagzeilen setzten, war die diskursive Legitimation bereits vollzogen, noch bevor eine völkerrechtliche Debatte überhaupt beginnen konnte: Das Titelwort selbst enthielt bereits die Rechtfertigung, denn wer „präventiv" handelt, handelt in Notwehr. Die technische Sprache entmenschlicht das Ereignis und entzieht es der moralischen Bewertung. Normalisierung durch Versachlichung.
Marcuses Analyse des eindimensionalen Menschen liefert das letzte Stück. Das System integriert potenzielle Gegner durch Wohlstand, Konsum und Unterhaltung. Solange der Spritpreis stabil bleibt und das Internet funktioniert, bleibt die völkerrechtliche Einordnung einer Tötung in viertausend Kilometern Entfernung abstrakt. Marcuse nannte das repressive Toleranz22: Das System erlaubt ein wenig Protest, um Dampf abzulassen, und absorbiert ihn. Die Demonstration vor der US-Botschaft in Berlin – eingeplant, Teil des Betriebs, nicht seine Störung.
Chomsky23 hat Althussers Apparat für die moderne Medienwelt konkretisiert: Medien filtern Informationen so, dass sie die Interessen der Eliten stützen. Kritische Stimmen, die die USA als Gefahr für die Weltordnung bezeichnen würden, bekommen kaum Sendezeit oder werden als „unseriös" markiert. Der Eindruck eines gesellschaftlichen Konsenses entsteht, wo nur eine verengte Debatte stattfindet.
Die Normalisierung gelingt, weil diese Mechanismen ineinandergreifen: Die Medien liefern die Begriffe, die Erziehung das Grundvertrauen, die kulturelle Hegemonie das Weltbild, der Konsum die Beruhigung. Eine Mauer, deren Steine von den Bürgern selbst gebrannt werden.
VI. Bühne und Maschinenraum
Es gibt zwei Ebenen der Politik. Auf der Bühne wird über Werte, Völkerrecht, Menschenrechte und die Macht des Wählers gesprochen. Im Maschinenraum zählen geostrategische Interessen, militärische Macht, Ressourcen und Bündniszwänge. Die Bühne ist für die Bevölkerung, der Maschinenraum für die Eliten.
Dass Deutschland nicht gegen die USA intervenierte, obwohl Völkerrechtler einen Rechtsbruch konstatierten, liegt an der Allianzlogik der NATO. Dass die Staatenkonkurrenz als solche nicht zur Wahl steht, daran, dass alle großen Parteien – CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP – sich in den Grundpfeilern einig sind: Westbindung, Exportnation, militärische Abschreckung. Man wählt das Personal, das die Konkurrenz managt, aber nicht das System der Konkurrenz. Colin Crouch24 hat diesen Zustand als Postdemokratie beschrieben: Die formalen Institutionen bestehen fort, aber die substanziellen Entscheidungen werden anderswo getroffen. Die Wahl als Ritual, das Legitimation erzeugt, ohne Macht zu verteilen. Wie brüchig die formale Bürgersouveränität tatsächlich ist, hat sich nicht erst im Februar 2026 gezeigt: Die Corona-Pandemie lieferte den Präzedenzfall eines innerstaatlichen Ausnahmezustands, in dem Grundrechte per Verordnung suspendiert wurden – ohne parlamentarische Debatte, auf unbestimmte Zeit. Ob die Maßnahmen inhaltlich gerechtfertigt waren, ist für die Analyse zweitrangig; entscheidend ist die Form: Der Staat entschied, was Notstand war, und die Bevölkerung fügte sich. Der Schmittsche Ausnahmezustand erwies sich als alltägliches Regierungsinstrument, nicht als Grenzfall.
Die Interessen des Staates sind nicht die Interessen der Bevölkerung. Das Staatsinteresse Deutschlands ist die enge Bindung an die USA; das Interesse vieler Bürger könnte sein, nicht in Kriege hineingezogen zu werden. Mearsheimers25 „offensiver Realismus" würde ergänzen: Die Anarchie des internationalen Systems erzwingt es. Die Akteure wissen, auf welchem Fundament sie stehen. Aber sie schweigen nicht aus Dummheit, sondern aus Selbsterhalt. Wenn ein Politiker in Berlin offen sagte: „Wir brechen das Völkerrecht, weil wir die Schwächeren sind und unser Bündnispartner es verlangt", zerstörte er die moralische Grundlage, auf der die gesamte westliche Allianz beruht. Ohne das Narrativ von „Werten" und „Regeln" gäbe es keinen Grund für die Bevölkerung, Opfer zu bringen. Man müsste alles mit nackter Gewalt erzwingen – teuer und instabil. Also kleidet man die Macht in die Sprache des Rechts.
VII. Die messianische Notbremse: Benjamin gegen Schmitt
Walter Benjamin und Carl Schmitt stehen an entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums, und doch sind ihre Texte, wie Bredekamp und Taubes gezeigt haben, „Auge in Auge, Stirn an Stirn" formuliert. Bredekamp hat das Verhältnis der beiden als „wechselseitigen Dialog" rekonstruiert und 1997 in Critical Inquiry und der Deutschen Zeitschrift für Philosophie publiziert. Benjamin hat Schmitt gelesen und bewundert – nicht als politischen Verbündeten, sondern als analytischen Gegner, der dieselbe Wahrheit sieht und daraus die entgegengesetzte Konsequenz zieht. Taubes hat das auf die Provokation gebracht, Benjamin sei ein „Linksfaschist" gewesen. Die Faszination zwischen beiden, so ein Diskussionsteilnehmer in Bredekamps Vortrag unter Verweis auf Georges Sorel26, lasse sich überhaupt nicht verstehen, wenn man nicht die Frage der Gewalt stelle, „die vor uns steht – und mit einem Beil steht der Gedanke hinter uns."
Schmitt will die Ausnahme beherrschen, um die Ordnung zu retten. Der Souverän entscheidet, der Katechon hält auf, die Frist wird verlängert. Revolution ist für Schmitt der Inbegriff des Chaos. Er verabscheut die liberale Diskussion, weil sie die Entscheidung hinauszögert.
Benjamin will die Ausnahme nutzen, um die Ordnung zu sprengen. Er vergleicht die Revolution nicht mit einer Lokomotive, wie Marx es tat, sondern mit dem Griff nach der Notbremse in einem Zug, der auf den Abgrund zurast. Revolution als Unterbrechung des Kontinuums der Geschichte. Die Katastrophe ist nicht das, was kommen wird – sie ist der Normalzustand. Die „Normalität" der Unterdrückung ist bereits die Katastrophe. Benjamin fordert den „wirklichen Ausnahmezustand": einen Zustand, in dem die Macht nicht nur Masken wechselt, sondern die Struktur der Gewalt selbst endet. In Zur Kritik der Gewalt27 unterscheidet er die „rechtsetzende" und „rechterhaltende" Gewalt des Staates von einer „göttlichen Gewalt", die entsühnt, ohne Blut zu vergießen – sie zerstört die Rechtsstruktur selbst. Man kann darin eine konsequentere Fassung des Marxschen Gedankens lesen als Marx' eigene Metapher der Lokomotive: Wenn die Diktatur des Proletariats der „wirkliche Ausnahmezustand" sein soll, dann nicht als neuer Leviathan, der die alten Regeln durch eigene ersetzt, sondern als Abbruch der Rechtsmaschine selbst – als Ende des Zustands, in dem Recht immer schon Gewalt der Herrschenden war.
Benjamin spricht von einer „schwachen messianischen Kraft", die jeder Generation mitgegeben ist. Keine passive Erlösungserwartung: Sie äußert sich darin, die Kontinuität der Unterdrückung zu unterbrechen. Jedes Mal, wenn die Logik der Macht – die Rechtfertigung einer Tötung durch Staatsräson – abgelehnt wird, wird ein Stück dieser Kraft wirksam. Ein aktives Stoppen der Zeit.
Assmann macht hier einen entscheidenden Zusammenhang sichtbar. Er zeigt, wie Agamben die messianische Zeit bei Paulus als eigenes Zeitregime rekonstruiert – nicht Chronos, sondern Kairos. Die messianische Perspektive löst die Welt aus ihrer scheinbaren Ewigkeit. Die Staatenkonkurrenz, die Hegemonie der USA, das „Alternativlose" – all das erscheint im Licht des Kairos nicht als Naturgesetz, sondern als kontingente historische Konstellation, die unterbrochen werden kann. In Bredekamps Begrifflichkeit: Die Hobbessche Staatseffigie, die visuelle Macht, die Kontinuität vortäuscht, wird als das entlarvt, was sie ist – ein Bild, keine Substanz.
Die Differenz zwischen Schmitt und Benjamin: Schmitt sagt, die liberale Fassade sei verlogen, aber notwendig, um das Chaos zu binden – sei froh, dass es einen Souverän gibt, der entscheidet, sonst hättest du den Krieg aller gegen alle. Benjamin sagt: Die Ordnung ist verlogen, und diese Ordnung ist selbst die Gewalt. Nur durch einen radikalen Bruch mit der Logik der Macht kann der Mensch frei sein.
VIII. Emanzipation vom Katechon
Die Normalisierung, die wir beobachten – das Schweigen Deutschlands, die Akzeptanz der US-Gewalt, die Absorption des Protests --, basiert auf dem Katechon-Glauben. „Es ist zwar völkerrechtswidrig, aber ohne die USA wäre alles noch viel schlimmer." Dieses Glaubensbekenntnis der westlichen Außenpolitik ist eines im wörtlichen, theologischen Sinne: Es beruht auf der Angst vor dem Antichristen, vor dem Chaos, vor dem Zusammenbruch. Der Irankomplex selbst erfüllt dabei eine Funktion, die über den konkreten Fall hinausgeht: Er dient als Glaubensbestärkung. Jede Eskalation, jede „Bedrohungslage" erneuert den Katechon-Glauben in der Bevölkerung und bestätigt das Narrativ, dass die bestehende Ordnung alternativlos sei. Die Bekenntnis-Rhetorik der „Resilienz", die sich quer durch das politische Spektrum zieht – von den Grünen bis in die sicherheitspolitischen Denkfabriken --, ist nichts anderes als die säkulare Übersetzung dieses Aufhaltungsglaubens: Wir müssen widerstandsfähig sein, denn das Chaos droht.
Benjamin würde sagen: Solange du so denkst, bist du nicht frei. Wahre Freiheit beginnt dort, wo die Erpressung durch die „Notwendigkeit der Ordnung" abgelehnt wird. Nicht zwingend Emanzipation vom Christentum, aber von einer ganz bestimmten politischen Auslegung des Christentums – der des Katechon. Emanzipation von der Sakralisierung des Staates. Ob durch Säkularismus oder durch eine radikale, befreiende Theologie, ist zweitrangig. Entscheidend ist der Bruch mit der Rechtfertigung von Gewalt als Ordnungsfaktor.
Assmann liefert hierzu einen entscheidenden Hinweis, indem er die Unterscheidung zwischen Inklusionstheologie und Exklusionstheologie herausarbeitet. Er stellt Taubes und Paulus auf die eine, Schmitt auf die andere Seite und verortet die Schmittsche Freund-Feind-Unterscheidung als Bedrohungsformel. In der Diskussion wird der Satz des ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink28 zitiert: „Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit." Assmann bestätigt: Das ist die Diagnose für Carl Schmitt. Und es ist die Diagnose für eine Weltordnung, die ihre Kohärenz nur durch die Benennung eines Feindes – Iran, Terror, Chaos – herzustellen vermag. Die Exklusionstheologie basiere auf Bedrohungsbewusstsein; ihr Exponent sei der Teufel, die Angst. Assmann erinnert sich an die Höllenbilder Hans Memlings in seiner Heimatstadt Lübeck: „Das steht völlig im Zeichen einer Phobie. Und die muss man therapieren."
Dass eine Disruption dieses Systems erst eintritt, wenn die materielle Basis bricht – wenn die Kosten der Staatenkonkurrenz den Lebensstandard der breiten Masse senken, wenn die Diskrepanz zwischen Bühne und Maschinenraum so grell wird, dass die Interpellation nicht mehr funktioniert --, ist die ernüchternde Konsequenz. Das System ist extrem resilient, weil es Kritik integriert. Wirkliche Disruption entsteht erst, wenn der Staat sein Kernversprechen der körperlichen und ökonomischen Unversehrtheit nicht mehr einlösen kann.
IX. Schluss: Den Behemoth beim Namen nennen
Das Instrumentarium, das dieses Gespräch und diese Vorträge zusammengetragen haben, lässt sich in vier Figuren zusammenfassen.
Der Leviathan ist die versprochene Ordnung: Recht, Institutionen, Völkerrecht, Wahlen. Die Bühne.
Der Behemoth ist die reale Willkür der Machtgruppen: Geheimdienste, die Luftangriffe planen, Regierungen, die vorab informiert werden, Militärs, die Fakten schaffen. Der Maschinenraum.
Der Katechon ist die Rechtfertigung der Gewalt: das Narrativ, das die Differenz zwischen Leviathan und Behemoth überbrückt – „Wir mussten handeln, um Schlimmeres zu verhindern." Die theologische Formel in säkularer Verkleidung.
Die messianische Notbremse ist die Möglichkeit des Bruchs mit dieser gesamten Logik. Kein Programm und kein Parteitag – der Moment, in dem die kollektive Weigerung ausspricht: Wir spielen dieses Spiel nicht mehr mit.
Wer den Behemoth einmal gesehen hat, kann das Theater auf der Bühne nicht mehr mit denselben Augen betrachten. Die Tötung Chameneis war kein Betriebsunfall der regelbasierten Ordnung. Sie war ihr Funktionsprinzip. Die Souveränität liegt nicht beim Volk. Sie liegt bei denen, die das Ungeheuer lenken.
Die Frage, die bleibt, ist die Frage Benjamins: Ob diese Erkenntnis ein Endpunkt ist, an dem man die Welt akzeptieren muss, wie sie ist – oder der notwendige erste Schritt, um überhaupt erst über eine echte Alternative nachdenken zu können. Ob man, mit Assmann gesprochen, in der zusammengedrängten Zeit lebt – synestalmenos, im Raubtier vor dem Sprung, in der Systole der Geschichte – oder ob man sich einrichtet in der leeren Chronos-Zeit des Immer-so-Weiter.
Das eine ist gewiss: Der Behemoth lugt hinter dem Vorhang der Weltordnung hervor. Und er geht nicht wieder zurück.
anmerkungen:
- Katechon (gr. κατέχων, „der Aufhaltende"): Theologisch-politische Figur aus 2. Thessalonicher 2,6--7. Bei Paulus eine Macht, die das Auftreten des „Menschen der Gesetzlosigkeit" noch aufhält. Schmitt übertrug den Begriff auf den Staat bzw. das Reich als geschichtliche Kraft, die das Chaos distanziert.
- Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (die sog. „geschichtsphilosophischen Thesen"), postum 1942. These VIII: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der 'Ausnahmezustand', in dem wir leben, die Regel ist."
- Giorgio Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt a.M. 2002 (ital. 1995). „Homo sacer" bezeichnet eine Figur des archaischen römischen Rechts: einen Menschen, der aus der Rechtsordnung ausgeschlossen, aber zugleich dem souveränen Zugriff unterworfen ist – tötbar, aber nicht opferbar.
- Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933--1944, New York 1942 (erw. 1944); dt. Frankfurt a.M. 1977. Neumann war Jurist der Frankfurter Schule und emigrierte 1933 in die USA.
- Louis Althusser, Idéologie et appareils idéologiques d'État, in: La Pensée, Nr. 151, 1970. Die „Ideologischen Staatsapparate" (ISA) – Schule, Familie, Kirche, Medien – reproduzieren die herrschenden Verhältnisse nicht durch Zwang, sondern durch Ideologie, d.h. durch die „Anrufung" (Interpellation) der Individuen als Subjekte.
- Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, hg. von Valentino Gerratana, Turin 1975. Gramscis Begriff der „kulturellen Hegemonie" bezeichnet die Fähigkeit der herrschenden Klasse, ihre Weltsicht zum „gesunden Menschenverstand" der gesamten Gesellschaft zu machen – Herrschaft durch Konsens statt durch Zwang.
- Herbert Marcuse, One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society, Boston 1964. Marcuse analysiert, wie fortgeschrittene Industriegesellschaften durch Befriedigung „falscher Bedürfnisse" jede radikale Opposition absorbieren.
- Jacob Taubes, Die politische Theologie des Paulus. Vorträge, gehalten an der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, 23.--27. Februar 1987, München 1993.
- Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin 1922. Der Eröffnungssatz lautet: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."
- Stephen Holmes / Ivan Krastev, Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung, Berlin 2019 (engl. The Light That Failed, 2019). Die These: Der Nachahmungsimperativ des Westens gegenüber Osteuropa nach 1989 hat die illiberale Gegenreaktion provoziert.
- Wilhelm Pinder, Das Problem der Generation in der Kunstgeschichte Europas, Berlin 1926. Die dort geprägte Formel „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen" wurde über Karl Mannheims Wissenssoziologie zum allgemeinen Bestandteil der Zeitdiagnostik – bei Habermas wie bei Luhmann --, wobei Pinders Urheberschaft aufgrund seiner NS-Verstrickung weitgehend vergessen wurde.
- Andrei Pleșu (geb. 1948), rumänischer Philosoph und Kunsthistoriker, Gründer des New Europe College in Bukarest. Unter Ceaușescu wurde er in die Karpaten verbannt; nach 1989 Kulturminister und Außenminister Rumäniens.
- Giorgio Agamben, Il tempo che resta. Un commento alla Lettera ai Romani, Turin 2000; dt. Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief, Frankfurt a.M. 2006.
- Gr. συστέλλειν (systéllein): zusammenziehen, zusammendrängen. Das Partizip συνεσταλμένος (synestalmenos) in 1. Korinther 7,29 wird gewöhnlich mit „die Zeit ist kurz" übersetzt; Assmann und Agamben insistieren auf der physischen Intensität des Begriffs: Kontraktion, nicht Verkürzung.
- Christian Lehnert, geb. 1969, Dichter und evangelischer Theologe; zitiert nach Jan Assmanns Vortrag „Ausnahmezustand und Messianismus" am Einstein Forum, Potsdam.
- Kairos (gr. καιρός): der entscheidende Augenblick, im Gegensatz zu Chronos (χρόνος), der quantitativ fortlaufenden Zeit. Bei Paulus wird der „gegenwärtige Kairos" (ho nyn kairos, ὁ νῦν καιρός) zur Bezeichnung der messianischen Jetztzeit.
- Hōs mē (gr. ὡς μή, „als ob nicht"): Die Formel aus 1. Korinther 7,29--31, die Agamben als „die Formel des messianischen Lebens" bezeichnet. Max Weber sprach von „eschatologischer Indifferenz".
- Klesis (gr. κλῆσις): Berufung, Ruf. Agamben deutet die paulinische Klesis als Widerruf jeder weltlichen Berufung: nicht Aufhebung des Standes, sondern dessen Gebrauch im Modus des „als ob nicht" (hōs mē, ὡς μή).
- Chresis (gr. χρῆσις): Gebrauch. Bei Agamben der Schlüsselbegriff für das messianische Verhältnis zur Welt: Man besitzt sie nicht, man gebraucht sie – im Bewusstsein ihrer Vorläufigkeit.
- Thomas Hobbes, Leviathan, or the Matter, Forme, & Power of a Common-Wealth Ecclesiasticall and Civill, London 1651. Der Leviathan und der Behemoth sind biblische Ungeheuer (Hiob 40--41). Hobbes' späteres Werk Behemoth, or the Long Parliament (postum 1681) behandelt den englischen Bürgerkrieg als Zustand der Gesetzlosigkeit.
- Vgl. insbesondere Michel Foucault, L'ordre du discours, Paris 1971, und Surveiller et punir, Paris 1975. Foucaults „Gouvernementalität" bezeichnet die spezifisch moderne Form des Regierens, die nicht primär durch Verbot, sondern durch die Produktion von Wissen, Normen und Diskursen funktioniert.
- Herbert Marcuse, Repressive Toleranz, in: Robert Paul Wolff / Barrington Moore / Herbert Marcuse, Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt a.M. 1966. Marcuse argumentiert, dass Toleranz in spätkapitalistischen Gesellschaften repressiv wirkt, indem sie radikale Opposition entschärft und absorbiert.
- Edward S. Herman / Noam Chomsky, Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media, New York 1988.
- Colin Crouch, Post-Democracy, Cambridge 2004. Crouch beschreibt einen Zustand, in dem die formalen Institutionen der Demokratie intakt bleiben, die substanzielle politische Macht aber bei Wirtschaftseliten und Experten liegt.
- John Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, New York 2001. Mearsheimers „offensiver Realismus" argumentiert, dass Großmächte in einem anarchischen internationalen System strukturell zur Hegemoniesuche gezwungen sind.
- Georges Sorel, Réflexions sur la violence, Paris 1908. Sorels Theorie des Generalstreiks und des politischen Mythos war für Benjamin wie für Schmitt ein zentraler Bezugspunkt – eine geteilte Faszination für die Frage, ob revolutionäre Gewalt jenseits des Rechts möglich ist.
- Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 47, 1920/21. Benjamin unterscheidet „rechtsetzende" und „rechterhaltende" Gewalt von der „göttlichen Gewalt", die alles Recht vernichtet, ohne neues zu setzen.
- Hrant Dink (1954--2007), armenisch-türkischer Journalist und Herausgeber der Zeitung Agos, wurde am 19. Januar 2007 vor seinem Büro in Istanbul von einem türkischen Nationalisten ermordet.





